Die verrückte Welt des Profi-Handballs

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Es ist ein logistisches Meisterwerk, eine sportliche Herausforderung und nicht zuletzt ein Drahtseilakt in Sachen Gesundheit der Spieler: Die Rhein-Neckar Löwen sind am kommenden Samstag in der DKB Handball-Bundesliga gefordert, wenn sie in Leipzig zum zwölften Spieltag antreten.

Nach dem Schlusspfiff bleiben dem Deutschen Meister weniger als 24 Stunden, um zum nächsten Auswärtsspiel zu reisen. Dann geht es am siebten Spieltag in Gruppe A der VELUX EHF Champions League beim FC Barcelona um zwei wichtige Zähler.

Leipzig ist die Stadt der legendären Montagsdemonstrationen, der Kaffeehäuser und der Kunst – aber auch des Sports. Neben RB, das sich anschickt, hinter den großen Bayern die zweite Macht in Fußball-Deutschland zu werden, unterstreicht der SC DHfK seine Ambitionen in der DKB Handball-Bundesliga. Seit vielen Jahren geht es kontinuierlich nach oben, im dritten Bundesliga-Jahr stehen die Sachsen so gut da wie noch nie. Aktuell bedeuten 15:9-Punkte Platz sechs, womit man unter anderem vor dem SC Magdeburg und dem THW Kiel steht. Warnung genug für die Rhein-Neckar Löwen, auf die am Samstag, 11. November, um 18.10 Uhr (live in der ARD) in der Arena Leipzig eine große Herausforderung wartet.

Die Leipziger sind zuhause eine Macht: Von sieben Heimspielen ging nur ein einziges verloren – und das gegen Liga-Spitzenreiter Füchse Berlin mit einem Tor (30:31). Überhaupt leisteten sich die Sachsen in heimischer Halle erst einen richtigen Ausrutscher beim 26:26 gegen Schlusslicht TuS N-Lübbecke. In den restlichen Heimpartien zeigte die Truppe von André Haber ihre ganze Stärke, schlug unter anderem die SG Flensburg-Handewitt (25:22), Hannover (25:23) und Anfang des Monats auch die MT Melsungen (30:27). Was besonders auffällt, ist die starke Defensive des SC DHfK: Im Schnitt kassiert er pro Heimspiel 25 Tore. Garanten dafür sind neben der akribischen Arbeit im Kollektiv vor allem das Innenblock-Duo Bastian Roscheck/Maximilian Janke sowie ein regelmäßig überragender Milos Putera im Tor.

Was Training und sportliches Umfeld anbelangt, setzen die Sachsen auf modernste Technik. So greifen die SC-Spieler unter anderem auf die neuesten Erkenntnisse und Errungenschaften der sogenannten Neuroathletik zurück, die beispielsweise Gehirnstimulation und erhöhte Reaktionsschnelligkeit beinhaltet. Dass sich der Club nach seinem Bundesliga-Aufstieg 2015 stetig weiterentwickelt und Stück für Stück in den vorderen Regionen der deutschen Eliteklasse etabliert, liegt sicherlich an solchen Maßnahmen, aber auch an der vorzüglichen Nachwuchsarbeit – und einem tollen Gespür für die richtigen Männer an der Seitenlinie.

Christian Prokop führte den Traditionsverein aus den Niederungen der Zweiten Liga an deren Spitze, schaffte den Aufstieg, den souveränen Klassenerhalt – und folgte dann dem Ruf des DHB zur Nationalmannschaft. Sein Interims-Nachfolger André Haber knüpfte nahtlos an die von Prokop initiierte Entwicklung an und wird im Winter – zum 1. Januar 2018 – an Michael Biegler übergeben. Das Händchen für Trainer und Talente erinnert an das Konzept des Fußball-Bundesligisten FSV Mainz 05 und bringt den Leipzigern in der ganzen Liga großen Respekt ein. Dies gilt auch für die Kollegen aus Mannheim: „In Leipzig machen sie einen Riesenjob. Sie kommen über eine sehr kampfbetonte Abwehr und sind in jedem Spiel zu 100 Prozent da“, sagt Oliver Roggisch, Sportlicher Leiter der Rhein-Neckar Löwen.

Der direkte Vergleich spricht eindeutig für die Löwen: In vier Duellen gab es vier Siege, allerdings fielen die beiden jüngsten äußerst knapp aus – mit jeweils einem Tor. „Man muss sagen, dass Leipzig bis jetzt kein Lieblingsgegner von uns geworden ist. Wir haben uns immer schwergetan“, sagt Löwen-Trainer Nikolaj Jacobsen. Sein Kapitän Andy Schmid schätzt Leipzig als „ganz unangenehme Mannschaft“ ein, gegen die man eine Top-Leistung abrufen müsse, um zu bestehen.

Zum Personal: Mit Philipp Weber fehlt der beste SC-Werfer verletzt, aber auch Neu-Nationalspieler Yves Kunkel, Europameister Niclas Pieczkowski, die lettische Wurfmaschine Aivis Jurdzs und Rückraum-Talent Franz Semper bringen alle Qualitäten mit, um ein Spiel entscheidend zu beeinflussen. Die Löwen, die zuletzt beim Champions-League-Gastspiel in Szeged (34:31) zahlreiche Leistungsträger schonen konnten, reisen selbstbewusst in den Osten der Republik und freuen sich auf einen Schlagabtausch auf Augenhöhe: „Wir erwarten ein Spiel, das bis zur letzten Minute eng ist“, sagt Oli Roggisch.

Was nach der Partie in Leipzig folgt, ist nicht minder anspruchsvoll: Im Bus geht es von Leipzig nach Berlin, wo die Mannschaft in einem Hotel direkt am Flughafen Schönefeld übernachtet. Am nächsten Morgen steigen die Jacobsen-Schützlinge in den Flieger nach Barcelona. Zwischen der geplanten Ankunft in der katalanischen Metropole und Spielbeginn liegen dann noch schlanke sechseinhalb Stunden – ein Umstand, der die Vorbereitung auf die so wichtige Begegnung zu einer künstlerischen Übung mit hohem Improvisationsgrad macht. „Ich habe so etwas noch nicht erlebt“, sagt Löwen-Coach Jacobsen zu dieser Konstellation – und will dennoch das Beste daraus machen. Klar ist: Für den Sieg beziehungsweise das Rennen um die besten Plätze in Gruppe A der VELUX EHF Champions League kommt dem Duell mit dem FC Barcelona am Sonntag, 12. November, um 19 Uhr (live auf Sky Sport 4) entscheidende Bedeutung zu.

„Das Wichtigste wird sein, gut zu regenerieren und möglichst viel zu schlafen“, erklärt Oli Roggisch mit Blick auf die wenigen Stunden, die zwischen den beiden schweren Partien liegen. „Die Kunst ist, nach dem Leipzig-Spiel schnell herunterzufahren.“ Die Begegnung in Barcelona abzuschenken, kommt jedenfalls nicht infrage: „Auf keinen Fall. Die Mannschaft will dieses Spiel unbedingt, wir alle spielen unheimlich gerne Champions League. Zudem handelt es sich um eines der speziellsten Spiele überhaupt, in einer wunderschönen Stadt gegen einen Wahnsinnsgegner. Für solche Spiele ist man Handballer geworden.“

Vor dem Schlagerspiel des Dritten gegen den Zweiten haben die Katalanen neun und die Löwen zehn Punkte auf dem Konto. Vorneweg marschiert bisher Titelverteidiger Vardar Skopje, der am Tag vor dem Top-Duell in Zagreb gefordert ist. Gedämpft ist die Vorfreude nur in Anbetracht der schier übermenschlichen Kraftanstrengung, die mit der Reise von Leipzig über Berlin nach Barcelona verbunden ist. Viel lieber hätten sich alle Beteiligten ausschließlich auf ein großes sportliches Kräftemessen gefreut, das womöglich noch einmal an den Hinspiel-Krimi in der SAP Arena heranreicht. Mitte September traf Patrick Groetzki praktisch mit der Schlusssirene zum 31:31, nachdem die Löwen nach einem ganz schwachen ersten Durchgang bereits 12:18 hinten gelegen hatten.

„Riesenapplaus an die Mannschaft: Andere hätten sich nach diesem Rückstand zur Pause auf den Rücken gelegt und mit zehn Toren verloren. Aber so eine Truppe sind wir nicht. Wir wollen mehr, wir wollen nach Köln zum Final Four“, sagte Torwart Andreas Palicka nach der Partie und brachte die Stimmung auf den Punkt. Für das Rückspiel scheint ein solcher Kraftakt ausgeschlossen – zumal man davon ausgehen muss, dass die Löwen in Leipzig voll gefordert und bis zum Ende gezwungen sein werden, an ihr Limit zu gehen. „Wir müssen uns voll auf Leipzig konzentrieren und dann schauen, was in Barcelona noch geht“, gibt Trainer Jacobsen die Richtung vor und hofft vor allem eines: dass sich in Anbetracht der hohen Belastung keiner seiner Spieler verletzt.

Für Barcelona hingegen gestaltet sich die Vorbereitung auf das Topspiel in eigener Halle relativ entspannt: Zwischen ihrem bis dahin letzten Spiel am Dienstag in der Liga gegen Encantada (34:27) und der Begegnung mit den Löwen liegen vier ganze Tage, in denen sich die Truppe von Trainerfuchs Xavi Pascual Fuertes in Ruhe auf den Deutschen Meister einstellen kann – und das mit einem spektakulären Neuzugang. Das Star-Ensemble um die Herren Tomas, Entrerrios, Rivera und Mem wird ab sofort von Weltklasse-Mittelmann Aron Palmarsson verstärkt, der antritt, um die Lücke des vom Handballsport zurückgetretenen Filip Jicha zu schließen.

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