Christian Sprenger: Zeit zum Genießen

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Aller Wahrscheinlichkeit nach spielt Christian Sprenger derzeit seine letzte Saison als Handball-Profi. ZEBRA traf ihn zu einem Gespräch über Erfolg, Verantwortung und Altersunterschiede.

ZEBRA: Christian, aller Voraussicht nach ist diese Saison Deine letzte als aktiver Spieler. Wie fühlst Du Dich?
CHRISTIAN SPRENGER: Ich fühle mich ganz gut. Ich habe den Urlaub gut genutzt, bin in die USA gereist, war bei der Familie in Berlin und habe mir den Luxus erlaubt, zwei, drei Wochen zu entspannen und von allem Abstand zu nehmen. Anschließend habe ich dann in Kiel sehr viel mit unserem Athletiktrainer Hinrich Brockmann trainiert, er hat mich systematisch aufgebaut, so dass ich fit in die neue Saison starten konnte.

Hast Du die freie Zeit im Sommer auch darauf verwendet, Dir Gedanken um Deine Karriere zu machen?
Ganz ehrlich, es gibt auch noch ein Leben abseits des Handballfeldes, in dem man täglich seine Herausforderungen bewältigen muss. Deshalb habe ich mir noch nie große Gedanken um meine Karriere gemacht, die davon abgesehen bislang super verlief. Ich habe mehr erreicht als ich mir jemals hätte vorstellen können. Ich bin diesbezüglich ziemlich entspannt.

Und was kommt Dir in den Sinn, wenn Du zurück schaust?
Normalerweise macht man sich als junger Mensch irgendwann Gedanken darüber, was man denn später einmal werden möchte. Doch das stand für mich nie zur Debatte. Für mich war immer klar: Ich werde Handballprofi. Ob ich dieses Ziel erreichen könnte oder nicht, war nie eine Frage. Mit etwas anderem habe ich mich deshalb auch nie beschäftigt. Nachdem ich es tatsächlich geschafft hatte, war mein nächstes großes Ziel, ein Bundesliga-Tor zu werfen - im ersten Spiel kamen gleich noch zwei dazu. Zudem durfte ich damals beim überragenden SC Magdeburg spielen, was ein Kindheitstraum war. Zusammen mit Kretzschmar, Abati, Kuleschow, Perunicic, Stefansson - schlicht mit unglaublich vielen Weltklassespielern.
Zwischendurch gab es auch mal den einen oder anderen Dämpfer. Vor zehn Jahren zum Beispiel hatte ich riesige Probleme mit meinem Sprunggelenk, und die Ärzte sagten mir, ich könne nie wieder Handball spielen - was ich nicht wahr haben wollte. Zu Recht: Zehn Jahre später bin ich im achten Jahr beim THW Kiel, mit dem ich die Champions League, die Meisterschaft, den Pokal und den Super Globe gewonnen habe. Das sind Sachen, die man nicht vergisst - auch wenn man manchmal das Gefühl hat, es sei alles wahnsinnig schnelllebig: Du bereitest Dich auf eine Saison vor, spielst dann ein Spiel nach dem anderen, und im besten Fall gewinnst Du einen oder auch mehrere große Titel. Danach feierst Du, gehst in den Urlaub, kommst wieder, startest erneut mit dem Training - und alles, was zuvor war, ist auf einmal wieder egal.
Man hat überhaupt keine Zeit, die Ereignisse zu genießen. Und deshalb bin ich jetzt in dieser Phase - auch wenn es meine letzte Saison sein sollte - in der ich mich auch mal zurücklehnen und mich erinnern kann, was ich schon alles Großartiges erlebt habe.

Hältst Du tatsächlich erst jetzt inne? Und erlebst Du die Dinge jetzt vielleicht sogar bewusster?
Ich erinnere mich noch gut an das Gefühl, als ich hier in Kiel zum ersten Maldie Champions League gewann und Deutscher Meister wurde. Dieses Erreichen, dieses Am-Ziel-Sein nahm ich damals einfach so hin. Es dauert ein paar Tage oder gar Wochen, das Geschehene wirklich zu realisieren. Ich war irgendwie in einem Hamsterrad gefangen, es ging einfach immer weiter. Manchmal dachte ich, die Zeit während einer Saison ging überhaupt nicht vorbei, nur noch Spiele, Spiele, Spiele - und dann war das Jahr auch schon wieder urplötzlich vorbei. Ein komisches Gefühl. Eigentlich ist eine Meisterschaft ja der Lohn für wirklich harte Arbeit. Mitunter aber ist man so sehr gefangen in diesem unerbittlichen Handball-Rhythmus, dass man den Moment nicht mehr wirklich genießen kann.
Und wenn Du in Kiel spielst, gehen alle anderen davon aus, dass Du eh wieder Deutscher Meister wirst und sagen 'wie langweilig' - das ist traurig und schmälert unsere Arbeit. Schließlich müssen wir für den Erfolg auch ein ganzes Jahr unterwegs sein und hart arbeiten.

Ist die Zeit in Kiel schnell vergangen?
Ja, total schnell! Mein erstes Spiel war Lövgrens Abschied. Daran kann ich mich noch genau erinnern. Ich gebe es ja ungern zu, aber jetzt, wo es dem sportlichen Ende entgegen geht, ist es auf die eine Art schon erleichternd, aber auf die andere Weise öffnet sich jetzt ein noch undefiniertes Kapitel.

Beschäftigst Du Dich intensiv mit dem, was nach dem Ende Deiner Handball-Karriere kommt?
Ja natürlich. Aber ich versuche, mir dabei trotzdem eine gewisse Lockerheit zu bewahren. Ich bin ja kein Tagträumer und weiß, dass ich Verpflichtungen habe, denen ich auch später nachkommen muss. Deswegen sondiere ich in Ruhe meine Möglichkeiten.

Hängt Dein Herz am Handball?
Ja, mittlerweile schon. Ich sagte früher zwar mal, dass ich nie Trainer werden möchte. Aber inzwischen durfte ich in der THW-Jugendarbeit schon ein bisschen Erfahrungen sammeln. Es ist schon toll und macht Spaß, wenn man den Jungs etwas vermitteln kann und sie merken, dass es alles Hand und Fuß hat, was man ihnen erzählt.

Welche Werte abseits des rein Sportlichen bleiben bei Dir hängen, was möchtest Du in der Nachwuchsarbeit gerne weitergeben?
Viele Jungs sind so verbissen, was auf der einen Seite gut ist. Auf der anderen Seite muss man ihnen jedoch verdeutlichen, dass es gar nicht alle bis ganz nach oben schaffen können, jeder aber die Chance dazu hat. Wer es trotzdem nicht schafft, ist deswegen nicht automatisch ein schlechter Mensch oder ein Versager.

Das heißt, Du kannst nicht ohne Handball?
Ich muss es irgendwann zwar nicht mehr selbst spielen, aber ein Leben ganz ohne Handball kann ich mir tatsächlich nicht mehr vorstellen. Ich habe früher nie Fernsehspiele geschaut. In Magdeburg haben sich deshalb Christoph Theuerkauf und Yves Grafenhorst oft über mich lustig gemacht, weil ich zum Teil meine Gegenspieler aus der Bundesliga nicht kannte. Das war nicht respektlos, aber das hat mich einfach nicht interessiert. Ich habe es einfach geliebt, dieses Spiel zu spielen, jeden Tag zum Training zu gehen, gemeinsam mit meiner Mannschaft zu kämpfen. Mittlerweile weiß ich natürlich immer, gegen wen ich spiele...

Jetzt bist Du plötzlich dienstältestes "Zebra" ...
Wahnsinn!

Fühlst Du Dich auch so?
Wenn ich mir die Geburtsdaten von einigen meiner Mitspieler anschaue, auf jeden Fall (lacht)! Nikola Bilyk und Lukas Nilsson sind beide erst 19 Jahre alt - unglaublich. Aber noch macht es ja Spaß, das hält mich jung.

Macht es Dich stolz, dass Alfred Gislason Dich im Sommer vorübergehend zum Kapitän gemacht hatte?
Diese Aufgabe musste ja einer übernehmen. In den vergangenen acht Jahren konnte ich es mir abschauen, wie es geht. So schwer war es nicht, den Jungs zu sagen, was sie anzuziehen haben, und dafür zu sorgen, dass sie pünktlich sind. Der Aufgabenbereich hielt sich in Grenzen.

Freust Du Dich auf die Saison?
Ja klar! Ich habe mich bestimmt nicht auf die Vorbereitung gefreut, da bist Du irgendwann immer ganz unten im Keller. Alfred hat irgendwann mal gesagt: "Ich verstehe Euch gar nicht. Es ist doch geil: Es ist Sommer, ihr seid zusammen mit Freunden, ihr trainiert hart, eure Körper sehen richtig klasse aus nach der Vorbereitung - und ihr bekommt noch Geld dafür." Und er hat Recht, eigentlich ist es so. Wenn man eine entsprechende Regeneration nach dem Trainingslager hat, dann ist man wirklich fit. Und wenn Du fit in die Saison gehst, dann kann es eine richtig gute werden. Ich habe meine Hausaufgaben jedenfalls gemacht.

Wie ist es heute aus Deiner Position heraus, den Werdegang Deiner jungen Mitspieler zu verfolgen?
Wenn die Jungs ins Training kommen, ist es für sie teilweise noch ein Spaß und ein Abenteuer. Die viele harte Arbeit sehen sie noch gar nicht. Es wird auch für sie nicht immer nur bergauf gehen, auch sie werden irgendwann mit Rückschlägen umgehen müssen. Später werden sie dann auch in diese Phase der Karriere kommen, in der sie sich Gedanken um ihre Zukunft machen. Aber das ist wohl normal so.

Hast Du mit anderen Spielern darüber gesprochen, als Du selbst jung warst?
Ich bin generell ein Mensch, der sich viele Gedanken macht, und ich habe mich schon bei einigen meiner Mitspieler gefragt, wie sie wohl eines Tages ihre Zukunft bestreiten werden. Ich hatte tatsächlich immer eine sehr solide und bodenständige Beratung an meiner Seite, so dass ich tatsächlich auch vorgesorgt habe. Damit man später auch was davon hat, dass man während der sportlichen Karriere auf vieles verzichtet hat. Natürlich führen wir ein tolles Leben als Sportler, aber ich weiß nicht, was ein normales Wochenende bedeutet. Von Freitag bis Montag nichts zu tun zu haben, würde mich nach vier, fünf Wochen wahrscheinlich ziemlich langweilen, aber trotzdem möchte ich das gerne mal erleben. Du verzichtest aus Prinzip schon Tage vor einem Spiel auf Alkohol. Früher war man nach einem Spiel schon mal unterwegs, aber das kannst Du auch nicht mehr machen wenn Du über 30 bist. Dann kommt Dein Körper mit der Regeneration überhaupt nicht mehr hinterher. Da bist Du einfach froh, wenn Du am nächsten Tag einigermaßen schmerzfrei aufstehen und wieder zum Training gehen kannst. Damals, als ich neu war in Magdeburg, war Steffen Stiebler Mitte 30. Dem haben damals immer die Knochen weh getan, das kann man sich nicht vorstellen. Ich habe ihn dann immer ein bisschen aufgezogen. Er sagte nur: "Warte mal ab, bis Du in mein Alter kommst!" Was soll ich sagen? So ist es.
Aber davon ganz abgesehen bin ich einer der glücklichsten Menschen, dass ich überhaupt so weit gekommen bin. Durch diese ganze Schnelllebigkeit werden es viele in den Topklubs gar nicht mehr schaffen, überhaupt so lange Handball zu spielen. Diese ganze Hatz, diese langen Reisen - das ist unmenschlich. Alle reden davon, die Belastungen seien zu groß, und dann schafft es die Bundesliga nicht einmal, den direkten Vergleich oder den 16er-Kader durchzusetzen. Das wäre schon ein kleiner Schritt in die richtige Richtung gewesen.

Fotografin: Ingrid Anderson-Jensen

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