Nikolaj Jacobsen im Interview über die bisherige Saison

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Nikolaj Jacobsen bereitet sich derzeit mit der dänischen Nationalmannschaft auf die Heim-WM vor, die vom 10. bis 27. Januar in seinem Heimatland sowie in Deutschland über die Bühne gehen wird. Vor dem letzten halben Jahr, in dem er in Doppelfunktion für Dänemark und die Rhein-Neckar Löwen als Trainer im Einsatz sein wird,

sprechen wir mit ihm über die jüngsten Eindrücke vom Kiel-Spiel, über das vergangene Löwen-Halbjahr, über Steffen Fäth und die bevorstehende Abschiedstour durch Bundesliga und Champions League. In letzterer würde Niko gerne noch einmal für Furore sorgen.

Niko, jetzt geht es in die heiße Phase der WM-Vorbereitung. Sicher wärst du gerne mit einem Sieg aus Kiel im Gepäck zur Nationalmannschaft gereist. Wie bewertest du – mit etwas Abstand – den dortigen Auftritt deiner Löwen, die knapp mit 28:31 verloren haben?

Nikolaj Jacobsen: Es hat an Kleinigkeiten gelegen. Es war von Anfang an ein enges Spiel, in das wir sehr gut reingekommen sind. Wir haben das 0:2 zu Beginn schnell in ein 3:2 für uns gedreht, haben dann bei 12:9 drei richtig große Chancen, noch weiter wegzuziehen. In dieser Phase können wir uns mit vier, fünf Toren absetzen. In der zweiten Halbzeit war es dasselbe. Wir kommen gut rein, kontrollieren das Spiel weitestgehend, machen dann ein paar unnötige Fehler, nehmen schlechte Würfe, machen Niklas Landin im Kiel-Tor stark. Am Ende kämpfen wir uns gut ran – und dann kommt dieser Pass auf Pekeler, der mit dem 30:28 für Kiel die Entscheidung bringt.

Die Niederlage ist doppelt ärgerlich, weil man erstens nicht immer die Chance bekommt, in Kiel etwas zu holen, und zweitens jetzt die Aussichten in der Liga auf die Meisterschaft sehr bescheiden geworden sind.

Wir sind jetzt in einer Lauerstellung. Machen die anderen Fehler, wollen wir bereit sein. Aber es ist nicht mehr in unserer Hand. Wenn man sich die Tabelle anschaut, gibt es momentan zwei Mannschaften, die besser sind als wir. Wir müssen schauen, ob sich das in der Rückrunde noch einmal ändert. Unser Job ist es jetzt, so viele Spiele wie möglich zu gewinnen. Aber es wird schwer, in dieser Saison an Kiel und Flensburg vorbeizukommen.

Das Spiel in Kiel verlief leider so wie viele andere Spiele in dieser Saison. Ihr spielt eigentlich super, alles läuft nach Plan, und dann kommt doch der entscheidende Einbruch. Hast du eine Erklärung dafür?

Nein. Ich kann es nicht sagen. Wenn ich es wüsste, hätte ich es geändert.

Liegt es am Kopf? Ist es eine mentale Blockade?

Im Oktober und November hätte ich das bejaht. Da war das so, da haben wir auch entsprechend schlecht gespielt und einige Spiele mit Glück gewonnen. Aber jetzt, gestern und im restlichen Dezember, haben wir richtig guten Handball gespielt. Am Anfang der Saison, Ende August und im September, haben wir viel mit Steffen Fäth und Filip Taleski gespielt, auch Vladan Lipovina hat seine Chancen bekommen. Dann kamen die Probleme im Herbst und ich bin zu meiner Stammsieben zurückgekehrt, wodurch wir wieder mehr Sicherheit erlangt haben. Man sieht dabei auch, dass es für Andy Schmid wichtig ist, dass er Leute neben sich hat, die wissen, wie er tickt, und von denen er weiß, wie sie funktionieren. Das sieht man daran, dass er jetzt auch wieder viel besser spielt.

Kritik gab und gibt es dennoch…

Ich weiß das. Ich weiß, dass einige im Herbst gesagt haben, wir wechseln zu viel, ich spiele mit zu vielen verschiedenen Aufstellungen. Wir sind dann zurück zu dem Konzept mit weniger Wechseln und es hatte eine große Auswirkung auf unser Spiel, das wieder viel besser geworden ist.

Wird das auch die Strategie sein für die zweite Saisonhälfte?

Das hängt von der Leistung ab. Von nichts anderem. Bringt man eine gute Leistung, wenn man reinkommt, dann spielt man auch. Wenn das nicht der Fall ist, dann spiele ich mit den Leuten, von denen ich weiß, dass es mit ihnen funktioniert.

Über Steffen Fäth müssen wir in diesem Zusammenhang natürlich auch sprechen. Ist er einfach noch nicht so weit, dass er sich so einbringen kann ins Team, wie es zu wünschen wäre?

Steffen hat ja sehr gut angefangen, hatte zu Beginn der Saison sehr gute Spiele. Dann haben wir als Mannschaft abgebaut, lief es bei allen nicht so gut. Jetzt, wo es wieder läuft, spielt Mads Mensah richtig gut. Und Steffen hat die wenigen Chancen, die er bekommen hat, nicht genutzt. Die letzten Tage war er dann leider krank, hat kaum trainiert und deshalb auch nicht spielen können.

Bist du zuversichtlich, dass er sich – vielleicht auch über die Nationalmannschaft – neu motiviert, fokussiert und dann auch bei den Löwen eine wichtige Rolle spielen kann?

Ja, natürlich. Wir glauben an Steffen, sonst hätten wir ihn ja nicht geholt. Aber wie ich schon öfter betont habe: Man wechselt nicht einfach so locker und leicht zu den Rhein-Neckar Löwen – genauso wenig wie nach Kiel oder Flensburg. Hier musst du jeden dritten Tag Topleistungen bringen, sonst kostet das Punkte. Und das ist genau das, was du dir hier nicht leisten kannst. An diese Situation muss man sich erst gewöhnen. Das gilt auch für die mentale Seite. Man muss sich stark genug machen, seine Leistung jeden dritten Tag zu bringen. Diese Herausforderung haben alle unsere Neuzugänge und deshalb war uns vor der Saison auch klar, dass das verdammt schwer werden wird.

Von außen wurde das womöglich deutlich unterschätzt. Da dachte man vielleicht, der Jacobsen stapelt tief.

Das ist ja leider normal geworden. Alle sind cleverer als der Trainer. Eigentlich ist der Trainer der, der am wenigsten Ahnung hat. Ich muss mir die ganze Zeit anhören, warum der oder der nicht spielt. Das war noch ganz anders, als wir unsere sechs Titel gewonnen haben.

Beschäftigt dich das, ärgert dich diese Kritik?

Natürlich ärgert mich das. Ich finde, man sollte sich nicht so äußern, wenn man das selbst nie probiert hat. Zum Beispiel glaube ich nicht, dass es viele gibt, die schon einmal den aktuellen Champions-League-Modus mitgemacht und gespürt haben, wie hart das ist. Wenn ich unsere Fans höre, dass ich zu wenig wechsele und der oder der nicht spielt, dann ist das ja in Ordnung. Das kann man sagen. Aber warum ist Flensburg Meister geworden und steht jetzt ohne Verlustpunkt da? Weil Machulla dort nicht mehr rotiert und mit seiner ersten Sieben spielt, bis sie das Spiel im Griff haben. Und dann kommt der eine oder andere Wechsel. So habe ich das auch immer gemacht. So gewinnst du. Und daran müssen sich unsere Fans auch gewöhnen. Die Rhein-Neckar Löwen sind kein Verein mehr, wo immer alle spielen sollen oder wo Spieler entwickelt werden. Die Rhein-Neckar Löwen sind ein Verein, der Titel holen soll, und wo jeder einzelne Spieler dazu beizutragen hat, dass man um diese Titel mitkämpfen kann.

Du hast die Champions League angesprochen. Das dürfte die letzte Titelchance dieser Saison sein. Rückt euer Fokus jetzt auf diesen Wettbewerb?

Das kann sein. Aber die Bundesliga ist ja auch so eng, dass man auch zusehen muss, dass wir uns wenigstens für den EHF-Cup qualifizieren. Wir können die Liga nicht abschenken. Aber die Champions League dürfte tatsächlich die letzte Titelchance dieser Saison sein. Und es ist schön, diese Chance zu haben.

Und ihr habt in dieser Spielzeit auch schon ein paar tolle Spiele abgeliefert in der Königsklasse, unter anderem Barcelona zuhause geschlagen und in Veszprém gewonnen…

Das war in den vergangenen Jahren nicht anders. Unser Problem beginnt im Achtelfinale. Dann spielen wir gegen Teams, die quasi nur Champions League spielen, und wir haben dann 20, 25 harte Bundesliga-Spiele in den Knochen. Von der Qualität her können wir es mit fast allen anderen aufnehmen, meine ich. Aber unsere Belastung ist leider so viel höher.

Wer sind denn für dich die Favoriten?

Wegen der angesprochenen Belastung würde ich die Flensburger und uns nicht zu den Favoriten zählen. Ich sehe ganz klar Barcelona und Paris als Top-Favoriten auf Plätze beim Final Four in Köln. Dahinter kann es eng werden. Szeged hat gute Chancen, da hat man eine Super-Mannschaft beisammen. Veszprém hat sich gesteigert. Und Kielce, wenn dort alle fit sind, spielt einen richtig guten Handball. Nantes und Montpellier fallen da ein bisschen ab. Und Flensburg und wir können, wenn alles gut läuft, überraschen.

Schauen wir mal auf dich und dein letztes halbes Jahr bei den Löwen: Machst du dir Gedanken, was da emotional auf dich zukommt?

Zunächst einmal habe ich sehr viel zu tun und gar keine Zeit, mich damit zu beschäftigen. Mir steht eine Heim-WM bevor, die sehr viel Kraft kosten wird. Klar ist aber, dass es am Ende traurig wird. Auch für meine Familie. Wir haben uns hier unglaublich wohl gefühlt. Ich habe innerhalb des Vereins sehr gute Menschen getroffen, die sehr viel für diesen Verein getan haben. Mit den Spielern wird es auch schwierig werden. Jungs wie Mads Mensah, Andy Schmid, Alex Petersson und Gedeón Guardiola, die ich dann fünf Jahre hier gehabt haben werde, von ihnen wird der Abschied sehr schwerfallen. Das gilt auch für Oli Roggisch. Auf der anderen Seite weiß ich aber auch, dass es die richtige Entscheidung war. Die Doppelbelastung und die Champions League, die extrem hart ist als deutscher Verein, das ist grenzwertig.

Wie fällt denn deine vorläufige Löwen-Bilanz aus?

Ich bin schon stolz darauf, was ich hier geleistet habe. Nicht nur sportlich. Als ich hierherkam, hat gerade die restliche sportliche Leitung die Löwen verlassen – und ich stand quasi alleine da. Ich freue mich sehr darüber, wie sich der Verein seither entwickelt hat und welche Spieler wir hierherholen konnten. Die Zukunft sieht für den Verein sehr gut aus.

Umgekehrt hast du selbst von den Löwen profitiert. Wahrscheinlich hätte es ohne deine Erfolge hier nicht die Chance gegeben, dänischer Nationalcoach zu werden. Ich nehme an, die Rhein-Neckar Löwen werden für dich immer eine besondere Station in deinem Leben bleiben.

In Alborg, dem größten Verein in Dänemark, bin ich auf Anhieb Meister und dann Zweiter geworden. Das war auch schon eine wichtige Station auf meinem Weg. Aber natürlich: Die Rhein-Neckar Löwen sind etwas ganz Besonderes für mich. Ich bin ein Trainer beziehungsweise eine Person, die sich voll reinhängt dort, wo er gerade ist. Ich weiß gar nicht, wie viele Stunden ich hier gearbeitet habe, auch abseits des Sportlichen. Es wird hart, wenn ich gehen werde. Die Löwen werden immer einen besonderen Platz in meinem Leben haben. Auch weil es so gut gelaufen ist hier, hat mir der Job sehr viele Türen geöffnet.

Das gilt auch umgekehrt für die Löwen, denen du die eine oder andere Tür aufgemacht hast.

Ja. Wenn man zurückschaut, hatten die Löwen vor mir einen EHF-Cup gewonnen. Jetzt sind es sechs Titel (dreimal Supercup, zweimal Meisterschaft, einmal Pokal, Anm. d. Red.). Das gilt natürlich auch umgekehrt. Wir haben beide sehr voneinander profitiert. Dabei lag mir vor allem die Entwicklung des ganzen Vereins am Herzen. Wir haben geschaut, wie wir den Verein familiärer machen können. Zum Beispiel haben wir die Trainingszeiten so angepasst, dass man abends zuhause sein kann. Ich freue mich auch sehr, wenn ich die Kinder nach dem Spiel auf dem Feld sehe oder in der Kabine. Solche Sachen machen die Löwen mittlerweile aus. Auch dadurch ist es einfacher geworden, gute Spieler hierherzuholen. Früher hat man das mit sehr viel Geld gemacht. Jetzt ist das anders.

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