Interview mit Axel Kromer

Foto: Ingrid Anderson-Jensen

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Heute schon an morgen denken und WM-Stars mehr Zeit zur Regeneration geben - unter diesem Motto steht der deutsche Kader für die beiden finalen EM-Qualifikationsspiele in Tel Aviv gegen Israel und in Nürnberg gegen den Kosovo (16. Juni, 18 Uhr – Tickets via dhb.de/tickets).

Nachdem die Männer-Nationalmannschaft nach vier Siegen in den vier bisherigen Qualifikationsspielen bereits das Ticket zur EURO 2020 in Norwegen, Schweden und Österreich gebucht und den Gruppensieg erreicht hat, soll diese weiße Weste nun auch Bestand haben. Wie Axel Kromer, Vorstand Sport im Deutschen Handballbund, erläutert, werden die Kader für diese Partien aber schon mit Blick auf die Zukunft bestückt sein, hochbelastete WM-Helden können mit Blick auf das Gesamtprogramm 2020 früher regenerieren.

In den beiden finalen EM-Qualifikationsspielen in Israel und in Nürnberg gegen den Kosovo wird der deutsche Kader ein anderes Gesicht haben als in den Vergleichen mit Polen. Was sind die Gründe dafür?
Axel Kromer: Wir sind froh und stolz, dass wir nach dem unheimlich positiven Auftreten bei der Heim-Weltmeisterschaft auch gleich das EM-Ticket souverän mit den beiden Erfolgen gegen Polen im April gelöst haben. Daher werden einige bekannte Namen, die bei der WM für große Freude gesorgt hatten, nicht dabei sein. Wir ermöglichen diesen hochbelasteten Spieler eine zusätzliche Woche der Regeneration im Anschluss ans Saisonende. Sie können Belastungen kompensieren, regenerieren und eventuelle Verletzungen auskurieren. Es wird ja oft gesagt, die Verbände interessieren sich nicht für das Thema Belastung und die Vielzahl von Spielen, das stimmt natürlich nicht! Wir haben mit jedem einzelnen Spieler gesprochen, dessen Verfassung gemeinsam analysiert und dann individuelle Entscheidungen im Sinne der Spieler getroffen, so dass manche nach dem letzten Bundesliga-Spieltag gleich ihre Regeneration beginnen können. Die Jungs müssen nicht nur physisch regenerieren, einige Tage mit der Familie oder der Partnerin tun ihnen auch psychisch sehr gut. Das betrifft natürlich vorrangig die Spieler, die durch Nationalmannschaft, Liga, Pokal und internationale Wettbewerbe am stärksten belastet waren.

Wie wichtig ist diese Regeneration gerade im Hinblick auf die Folgesaison?
Axel Kromer: Genau das ist der entscheidende Punkt. Im Optimalfall spielen wir 2020 nicht nur eine Europameisterschaft mit vielen – der drei gemeinsamen Gastgeberländern geschuldet - Reisen, sondern es kommt im Fall, dass wir uns bei der EM nicht direkt für Olympia qualifizieren, noch die Olympiaqualifikation im April 2020 hinzu, inklusive der Vorbereitung darauf. Daran anschließend vielleicht auch noch die WM-Play-offs. Wenn alles so läuft wie geplant, folgen unmittelbar nach der Saison die Olympiavorbereitung sowie die Olympischen Spiele in Tokio selbst – quasi direkt vor dem Start der Saison 2020/21.

Das heißt, junge Spieler können sich nun bewähren?
Axel Kromer: Wir sind froh, dass wir auf einen solch großen Pool von Nationalspielern zurückgreifen können und dass wir so viele Kandidaten haben, die aufgrund ihrer Leistungen in den Vereinen auf dem Sprung ins A-Nationalteam sind. Wir wollen ihnen in europäischen Pflichtspielen, die etwas ganz anderes sind als Testspiele, die Möglichkeit geben, sich zu zeigen und zu beweisen. Das ist für deren Entwicklung unglaublich wichtig. Zu diesen Erfahrungen zählt auch das ganze Prozedere rund um ein offizielles Spiel, was ebenfalls wichtig ist, um die Abläufe kennenzulernen - zum Beispiel mit Blick auf die EM 2020 oder die Olympischen Spiele in Tokio. Es geht also nicht nur um Taktik. Zudem kann der Bundestrainer diesen Spielern auch Verantwortung und Spielzeit geben, was sie vor große Aufgaben stellen wird. Und zu guter Letzt arbeiten wir gerade mit den jungen Spielern in den Lehrgängen an deren individueller Förderung. Aber nochmal: Training ist wichtig, aber Wettkampf auf dem Niveau einer EM-Qualifikation ist noch wichtiger.

Welche Spieler werden zum Beispiel im Fokus stehen?
Axel Kromer: Zum Beispiel Sebastian Heymann oder Johannes Golla können sich beweisen, sie haben tolle Perspektiven, was sie in ihren Vereinen Woche für Woche unter Beweis stellen. Tobias Reichmann kehrt wieder ins Nationalteam zurück und wird alles daran setzen, um dem Bundestrainer zu zeigen, dass er ein wichtiger Faktor ist. Insgesamt bin ich mir sehr sicher, dass sich alle zerreißen werden, fürs Team und für die Fans. Sie alle wollen sich präsentieren und ihre Chance nutzen. Denn eines ist auch klar: Wir haben auch mit diesem Kader den Anspruch, beide Spiele zu gewinnen und die Qualifikation wie vor zwei Jahren ohne Verlustpunkt abzuschließen.

Heißt das, die deutsche Nationalmannschaft Mannschaft steht in nächster Zeit vor einem Umbruch?
Axel Kromer: Ich sehe keinen Umbruch im großen Sinne, aber wir haben Bewegung und Durchlässigkeit im System. Es gab noch nie zwei Turniere in Folge, bei denen die gleichen 16 Spieler dabei waren, da gab es immer Änderungen. Und daher geben wir nun jungen Spielern die Möglichkeit, sich einzuspielen und den Konkurrenzkampf im Team auch zu erhöhen. Wie wichtig es ist, dass die vermeintlichen Nachrücker gleich integriert sind, hat die EM 2016 gezeigt, als große Namen wie Uwe Gensheimer, Patrick Wiencek oder Patrick Groetzki gefehlt hatten, die vermeintliche zweite Reihe die Verantwortung übernahm und wir Europameister wurden. Oft geht es mehr um Mentalität und Freude als um große Namen. Und wir blicken natürlich auch jetzt schon auf ein Ereignis wie die Heim-EM 2024.

Sie haben den deutschen Nachwuchs mehrfach angesprochen. Wie schätzen Sie die deutsche Vorrundengruppe bei der U21-Weltmeister-schaft in Spanien ein?
Axel Kromer: Dänemark zählt immer zu den Topmannschaften, Island und Norwegen stehen ebenfalls für die starken Skandinavier. Und schon bei der Männer-WM in Deutschland hat man gesehen, dass Argentinien und Chile unglaublich aufgeholt haben. Im Handball ist viel passiert, das werden allesamt keine einfachen Spiele. Man muss sich ja nur vor Augen führen, dass die Argentinier bei den Junioren die starken Brasilianer hinter sich gelassen haben, die dank Olympia in Rio einen großen Schritt gemacht haben. Für unseren Spieler ist eine Weltmeisterschaft eine tolle Chance, sich international zu behaupten und sich im Wettkampf zu stellen. Es ist ein großer Schritt, um sich dann auch für die Männer-Nationalmannschaft zu empfehlen.

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